Ein Märchen macht den Traum wahr
Der Bassbariton Tobias Frank aus Tauberbischofsheim ist Solist beim Opernkurs in Weikersheim.
Weikersheim. Noch bei der letzten Weikersheimer Opernaufführung vor zwei Jahren saß Tobias Frank als Zuschauer auf der Tribüne im Schlosshof und bestaunte die "Leute, die wirklich was können." Irgendwann, nahm er sich vor, würde er auch dahin kommen. Beim Internationalen Opernkurs, der in diesem Jahr Rossinis "La Cenerentola" - Aschenputtel - aufführt, singt er jetzt den Alidoro. Mit dem Märchen wird für das junge Gesangstalent jetzt ein Traum Wirklichkeit.
Tobias Frank stammt aus Tauberbischofsheim. Besondere Musiktalente in der Familie hatte es eigentlich nicht gegeben. Dass ihm die Musik im Blut liegt, könne ja vielleicht daran liegen, dass ihm seine Mutter viel vorgesungen habe, meint der 1982 geborene Sänger. Zwar konnte er dem "obligatorischen Blockflötenunterricht" nicht gerade viel abgewinnen. Der Leidenschaft für Musik und insbesondere für Gesang tat das keinen Abbruch. Bei einem bunten Abend im Jugendlager wurde einer der Jugendleiter auf das Gesangstalent aufmerksam. Wie alle anderen hatte er etwas präsentiert, und Singen lag ihm.
Es lag ihm so sehr, dass der Jugendleiter den Eltern riet, das Kind musikalisch zu fördern. Die ermöglichten ihm zunächst eine Grundausbildung an der Musikschule in Tauberbischofsheim, dann die Mitgliedschaft bei den Würzburger Domsingknaben. Das erste Jahr dient der Grundausbildung. Die angehenden Domsingknaben lernen erst einmal, Noten zu lesen und sich mit viel Theorie und musikalischen Zusammenhängen auseinanderzusetzen. Schon bald holte ihn der Domkapellmeister zu den "A-Knaben".
Die Konzertchor-Mitglieder hatten einen vollen Stundenplan: dreimal wöchentlich Chorprobe im Dom, vor Oratorienaufführungen und Konzerten häufig auch Abendproben. Machbar war das nur, weil die Eltern ihren Sohn nach Kräften unterstützten. Der Kapellmeister setzte den Tauberbischofsheimer Schüler schnell für Solopassagen ein, nach Konzertreisen holte die Familie den Spross häufig nachts vom Bus auf dem Parkplatz an der Autobahnraststätte ab.
Gelbe Handschuhe und ein Mercedes auf der Bühne: das sind die Erinnerungen an den ersten Opernbesuch in Weikersheim, die Tobias Frank gespeichert hat. Auch, dass er rein gar nichts verstanden habe, aber dennoch versuchte, Partien nachzusingen. Zuhause fieselte er heraus, was er da erlebt hatte: eine moderne Oper von Philipp Glass.
Zum Geburtstag schenkten ihm die Eltern immer mal wieder Musikerlebnisse. In Schwäbisch Hall erlebte Tobias Frank "Jim Knopf" und die "Carmina Burana", in Bad Mergentheim verschiedene Musicals. Nach dem Stimmbruch, der eine einjährige Gesangspause erzwang, stieg der ehemalige Sopran als Bass wieder ein. Mit den Domsingknaben reiste Tobias Frank zu Konzerten bis nach Australien, erlebte den Frust, in einer riesengroßen, aber fast leeren Kirche aufzutreten - und auch die fast überwältigende Begeisterung, mit der der Knabenchor in anderen australischen Städten begrüßt wurde.
Derweil lief das Schulleben phasenweise ziemlich aus dem Ruder. Ein Hauptschüler, der nicht Fußball spielt, sondern singt, und dann auch noch Klassik und Kirchenmusik, muss sich auf einiges gefasst machen. Zu viel Aufmerksamkeit seitens der Lehrer sorgt leicht dafür, dass einer als Streber verschrieen und gemieden wird. Da kann dann schon mal ein Schulranzen aus dem Fenster geworfen werden. Heute sieht Tobias Frank die diesbezüglich recht raue Schulzeit auch als Zeit der Abhärtung. Da habe er gelernt, für sich einzustehen. An die Hauptschule hängte er den Realschulabschluss an, vom Wirtschaftsgymnasium allerdings flüchtete er nach sechs Wochen wieder. Das war einfach nicht seine Welt.
Er sprang ins kalte Wasser und bewarb sich erfolgreich um eine Hospitanz am Stadttheater Würzburg. Fast eine komplette Spielzeit erlebte er da mit, konnte in der Regie assistieren, Programmhefte gestalten, schon mal Rundfunkjournalisten durchs Haus führen und, weil es glücklicherweise personelle Engpässe gab, in den Marketingbereich mehr als nur hineinschnuppern.
Der Theater-Crashkurs bestärkte den angehenden Sänger und dürfte ihm bei seiner Bewerbung an der Berufsfachschule für Musik in Dinkelsbühl ein paar Extra-Pünktchen verschafft haben. Seit 2002 studiert der staatlich geprüfte Chor- und Orchesterleiter an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main Operngesang. Hellauf begeistert ist er von dem "phantastischen kulturellen Umfeld", das Frankfurt bietet - und ebenso von dem sehr guten Opernhaus.
Am Montag hat der Internationale Opernkurs der Jungen Oper Schloss Weikersheim angefangen. Drei Proben täglich - eine vormittags, eine am Nachmittag, eine am Abend bis 22 Uhr stehen auf dem Programm. Den Kurs erleben die Teilnehmer, die unter anderem aus Belgien, Frankreich, Griechenland, Italien, Japan, Kolumbien, Serbien, Spanien und Deutschland stammen, als ein Eintauchen in eine andere Welt. Die Sprachenvielfalt ist für die Opernsänger kein Problem: "Italienisch sprechen wir alle", erklärt Frank. Neben der klassischen Opernsprache dominieren deutsch und englisch im internationalen Palaver der jungen Künstler.
Die Pausen zwischen den Probeeinheiten nutzen die knapp 30 Kursteilnehmer entweder zur intensiven Vorbereitung oder zum ganz bewussten Entspannen. Anstrengend sei es, sagt Tobias Frank. Schon nach zwei Tagen spüre mancher Kreuz und Kniescheibe schmerzlich, aber "wahnsinnig intensiv" sei es auch. Die Proben laufen schnell und die Anforderungen sind hoch, denn Regisseur Dominik Wilgenbus fordert den Kursteilnehmern ebensoviel Präzision und Präsenz ab wie der Musikalische Leiter Alessandro de Marchi.
Knapp sechs Wochen haben die Kursteilnehmer Zeit, ihre Figuren zu entwickeln, musikalisch an sich zu feilen, Einsätze und Bewegungen perfekt aufeinander abzustimmen, damit die "pure Ensembleoper" auch ihre Wirkung entfalten kann. Das irre schnelle Tempo, das Rossini für "La Cenerentola" - Aschenputtel - vorgibt, fasziniert nicht nur Tobias Frank. Wie eine Rakete, die erst brodelt und dann abhebt, sei diese Musik. Jede Rolle ist dreifach besetzt. Theoretisch könnte damit jeder Teilnehmer in den neun Aufführungen dreimal zum Zuge kommen. Ganz so ausgewogen läuft es selten.
Dennoch: als Konkurrenten sehen sich die Solisten nicht, denn ihnen geht es vor allem ums Lernen. Es ist ein Kurs mit so phantastischen Dozenten, dass allein die Teilnahme zählt. Alles, was über den Kurs und die intensive Probenphase hinausgehe, sei dann das Sahnehäubchen obendrauf.
Von seiner Rolle als Alidoro, dem korrekten, wohlorganisierten und philosophisch veranlagten guten Freund des Prinzen ist Tobias Frank sehr angetan. Erstmals hat er es hier mit reinen Belcanto-Passagen zu tun, die irrsinnig schnelle Tempo- und Lagenwechsel erfordern. Ob bei der Premiere am Mittwoch, 25. Juli Tobias Frank, Daniele Macciantelli oder Jeaseok Ohu zu hören sein werden? Arbeiten und abwarten, meint Frank, der nicht nur das Eintauchen in die Intensität des Opernkurses, sondern nebenbei auch noch den heimatnahen Aufenthalt genießt.
Fränkische Nachrichten, 29. Juni 2007 www.fnweb.de
04. April 2010
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